Archive for the ‘Statistik’ Category

„Kicker“: Fußballer des Jahres als Wahlschlappe


29 Jul

Eine Panne bei der Wahl zum „Fußballer des Jahres“ führte dazu, dass nur 2,5 % der stimmberechtigten Sportjournalisten für den Abstimmungssieger Bastian Schweinsteiger stimmten. Der Herausgeber des „Kicker“, der die Wahl veranstaltet, hat den Fehler bereits eingestanden. Ab dem kommenden Jahr könnten sich die Abstimmungsmodalitäten grundsätzlich ändern.

Fußballer B. Schweinsteiger (Foto: Wikicommons)

Fußballer B. Schweinsteiger (Foto: Wikicommons)

Jedes Jahr ruft das Sportmagazin Kicker zusammen mit dem Verband deutscher Sportjournalisten (VDS) unter Deutschlands Sportjournalisten zur Wahl des Fußballers des Jahres auf. Auch der Trainer des Jahres wird gewählt. Und die Fußballerin des Jahres auch. In diesem Jahr wurde vom Kicker zum besten Kicker des Jahres Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern München gewählt. Der Geehrte zeigte sich sehr überrascht: „Das wunderte mich schon ein wenig. Denn es gab Phasen, in denen relativ kritisch über mich berichtet wurde“, zitierte das Sportblatt den Fußballer in der Vorankündigung am Sonntag.

In der gedruckten Ausgabe von Montag fehlt dieser Satz. Vielleicht mit gutem Grund, wie Focus Online nahelegt. Denn das Wahlergebnis ist alles andere als repräsentativ für die deutschen Sportjournalisten. Der VDS hat 3700 Mitglieder. Aber nur 2,5 Prozent dieser Journalisten haben für Schweinsteiger gestimmt, in Zahlen 95 Stimmberechtigte. Noch nie wurde der Ehrentitel Fußballer des Jahres von weniger Sportjournalisten vergeben, wie Focus Online vorrechnet:

Noch nie wurde ein Spieler mit engerem Ergebnis zum „Fußballer des Jahres“ gewählt, Schweinsteiger hatte mit 92 Stimmen nur fünf Vorsprung vor Teamkollege Franck Ribéry und sieben vor Thomas Müller. Und schon lange haben sich nicht mehr weniger Sportjournalisten bei der vom „Kicker“ organisierten Wahl beteiligt: In diesem Jahr waren es 527. Das ist gerade mal jeder siebte (14,2 Prozent) der rund 3700 im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) organisierten Pressevertreter – über 37 Prozent weniger als 2012 (846) und 46 Prozent weniger als 2011 (969). Das heißt auch: Nicht mal 2,5 Prozent der VDS-Mitglieder wählten Schweinsteiger.

Schweinsteigers Wahl war also eigentlich Glückssache. „Schweinsteiger nur Zufalls-Sieger“, titelt bereits die Münchner Abendzeitung.  Josef Hackforth, der ehemalige Leiter des Lehrstuhls für Sport, Medien und Kommunikation an der Technischen Universität München und Leiter des Audi-Instituts für Sportkommunikation, hält das Wahlergebnis jedenfalls für zufällig oder beliebig, wie er Focus Online erklärt:

„Wenn der ,Kicker‘ keine Angaben darüber macht, ob an seiner Befragung ein repräsentativer Querschnitt aller Sportjournalisten teilgenommen hat, könnte man von einem willkürlichen Wahlergebnis ausgehen.“

Der Herausgeber des in Nürnberg erscheinenden Kicker gibt eine Panne bei der Abstimmung zu. Beim Versand der Abstimmungsunterlagen an die VDS-Mitglieder seien Daten durcheinander gekommen, sodass die meisten Briefe nicht angekommen seien. Aber nicht nur deswegen überlegt der Verleger, künftig die Abstimmungsmodalitäten komplett zu ändern. Die jedes Jahr zurückgehenden Zahlen der Abstimmungsteilnehmer spräche nicht für ein großes Interesse der Sportjournalisten an der Wahl. Eine User-Befragung steht allerdings nicht zur Diskussion. Stattdessen überlegt der Kicker, der die Abstimmung seit 1960 organisiert, künftig aktive Sportler zu befragen.

Die besten aller Nachrichten


26 Jul
ZDF-Anchorman Claus Kleber (Foto: Wikimedia)

ZDF-Anchorman Claus Kleber (Foto: Wikimedia)

Was sind denn nun die besten aller Nachrichten? Vor kurzem noch trumpfte der Chef des ZDF-Heute Journals, Claus Kleber, mächtig auf. In einem Interview mit dem Wochenblatt Die Zeit ließ er kein gutes Haar am Konkurrenzprodukt der ARD, nämlich der „Tagesschau“:

Ich glaube, dass sich dieses Konzept gerade überlebt. Weil das, was diese Art von Nachrichten bietet, am ehesten ersetzt wird durch den schnellen Blick ins Internet …

Besonders die manchmal etwas spröde Form der Präsentation störte den ZDF-Anchorman bei den Mitbewerbern von der ARD. Er verstieg sich sogar dazu, die „Tagesschau“ mit dem nordkoreanischen Staatsfernsehen zu vergleichen:

Das trockene Nachrichtenablesen gibt es heutzutage nur noch um 20 Uhr und im koreanischen Fernsehen …

Die Retourkutsche erhielt Claus Kleber prompt, und zwar nicht von der angesprochenen „Tagesschau“-Redaktion, die sich höflich zurückhielt, sondern von Willi Winkler von der Süddeutschen Zeitung:

Offensichtlich hört Kleber nie Radionachrichten, und auch die „Heute“-Sendung seiner ZDF-Kollegen um 19 Uhr scheint er regelmäßig zu verpassen. (…) Claus Kleber moderiert selber zu später Stunde – und auch deshalb mit erheblich geringerem Zuschauerinteresse als bei der „Tagesschau „- das „Heute-Journalim ZDF. Die Berufsbezeichnung für diese Tätigkeit lautet gut amerikanisch Anchorman, also Ankermann, und verlangt vor allem einen Gesichtsausdruck, der beweist, dass der Vortragende die ganze Last der Welt auf seinen Schultern trägt. (…)

Besonders intrikat ist der Hinweis auf ZDF-Nachrichtensendung „Heute“. Denn die schmiert nach neuesten Forschungsergebnissen nicht nur gegenüber der „Tagesschau“ regelrecht ab. Zwar ist die „Heute“-Sendung nach einer Erhebung der Zeitschrift MediaPerspektiven hinter dem ARD-Flagschiff und „RTL aktuell“ immer noch die Nummer Drei in der Zuschauergunst.

Doch bei den jüngeren Zuschauern sieht es für Petra Gerster und Co. ganz duster aus: Im Schnitt gerade mal 470.000 Unentwegte im Alter von 14 bis 49 Jahren schalteten 2012 um 19 Uhr „heute“ ein – weit weniger als die „Tagesschau“ und „RTL aktuell“ und sogar weniger als die Nachrichtensendungen von Sat.1, Pro Sieben oder die qualitativ fragwürdigen „RTL 2 News“, die 620.000 Zuseher verbuchen konnten.

Selbst die „RTL2-News“, bei denen man Probleme hat, überhaupt noch von einem journalistischen Nachrichtenformat zu reden, haben also größeren Zuschauerzuspruch in der Altersklasse der 14- bis 49-jährigen als die ZDF-Sendung. Mit einem hat Claus Kleber da vermutlich recht: Die Zustimmungsquoten in realsozialistischen Staaten wie Nordkorea sind in der Regel höher.

Aber was sind nun die besten aller Nachrichten? Die trockene Seriosität der „Tagesschau“, die immerhin täglich mehr als 8 Mio. Zuschauer sehen? Das Infotainment auf RTL? Oder gar die ständig menschelnden und mit „Promi-News“ durchzogenen RTL2-News? Die Medienforschung sagt uns seit Jahren, dass die Informationsfunktion von Nachrichten weit hinter die Unterhaltungsfunktion und die soziale Funktion zurücktritt: Man guckt Nachrichtensendungen nicht, um als politisch bewusster Staatsbürger über die Angelegenheiten des Gemeinwesens auf dem Laufenden zu sein. Man guckt sie vielmehr, um sich beim Abendessen nicht zu sehr zu langweilen und um am nächsten Tag in der Frühstückspause mitreden zu können. Der Schweizer Schrifsteller Rolf Dobelli meint ja, gar keine Nachrichten seien die besten Nachrichten und fordert eine „Nachrichten-Diät“. Die etwas jüngeren Zuschauer (der Altersschnitt beim ZDF liegt über 60) halten sich bereits daran,  sie schalten die „heute“-Nachrichten nicht mehr an.

Transparency International: Medien gelten als korrupt


10 Jul
Foto: Birgit H./Pixelio

Foto: Birgit H./Pixelio

Alle drei Jahre erhebt die Nicht-Regierungsorganisation Transparency International das „globale Korruptionsbarometer“. Dabei wird in 107 Ländern die Bevölkerung befragt, für wie korrupt sie die gesellschaftlichen Institutionen hält. In Deutschland schneiden auf einer Skala von eins (überhaupt nicht korrupt) bis fünf (höchst korrupt) Justiz (2,6), Polizei (2,7), aber auch das Bildungswesen (2,7) besonders gut ab. Wer nicht gut abschneidet, ist der Medien-Sektor. Medien werden nämlich erstmals als korrupter wahrgenommen als die Öffentliche Verwaltung oder das Parlament. Während Verwaltung und Parlament jeweils die Note 3,4 erhielten, rangieren die Medien auf dieser Skala bei 3,6. Die deutsche Vorsitzende von Transparency International findet das besorgniserregend:

Die kritische Berichterstattung durch die Medien spielt eine wichtige Rolle bei der Korruptionsbekämpfung. Es ist daher ein alarmierendes Zeichen, wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien zu sinken scheint. Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie die Unabhängigkeit und Qualität der Medien langfristig gewährt werden kann.

Wichtig ist bei solchen Umfragen, festzuhalten, dass es um das Ansehen und die Meinungen in der Bevölkerung geht. Dass die Befragten Medien für korrupt halten, heißt noch nicht zwangsläufig, dass sie es auch sind.  Beispielsweise rangieren auch Nicht-Regierungsorganisationen nicht über dem Durchschnitt, sondern etwas darunter (3,0). Schlechte Noten haben auch die politischen Parteien (3,8) und die Privatwirtschaft (3,7) erhalten, die beide das Ranking im negativen Sinne anführen.

Für das Globale Korruptionsbarometer 2013 wurden 114.270 Personen in 107 Ländern befragt. Die Befragung wurde von Worldwide Independent Network/Gallup International Association (WIN/GIA), einem weltweiten Netzwerk von Meinungsforschungsunternehmen, im Auftrag von Transparency International durchgeführt. Die Feldstudien wurden von September 2012 bis März 2013 mittels persönlicher Interviews, Telefon- und Onlinebefragungen durchgeführt. In Deutschland wurden tausend Bürgerinnen und Bürger online befragt.

Kress Report im Jugendwahn


02 Jul

Älter werden ist gerade im Medienzeitalter ja nicht so schön. Im High Definition Fernsehen sieht man jede Falte und jedes graue Haar. Da macht man sich doch gerne ein bisschen jünger. Und die jungen Zuschauer, die sind ja sowieso die wichtigsten. Also ran an die Zielgruppe, mit Jugendzentrum-Charme und Kindergeburtstags-Appeal. Erfolgreich ist damit der ARD Markencheck. Diese Verbrauchersendung gucken nämlich tatsächlich ein paar Zuschauer unterhalt jener 61 Jahre, die der gewöhnliche ARD-Zuschauer im Durchschnitt alt ist. Aber was das Medienfachblatt Kress Report daraus macht, geht dann vielleicht doch ein bisschen zu weit:

Ausschnitt: Kress Report

Ausschnitt: Kress Report

Die Zuschauer zwischen 14 und 49 als „Jugend-Quote“ zu bezeichnen, ist selbst unter Zuhilfenahme von sehr viel Nivea-Produkten doch etwas vermessen. Trotz oder wegen des Cremetopfes.

 

 

 

Angelina Jolies Brüste als statistisches Problem


14 Mai
Angelina Jolie - vor der OP (Foto: Wikimedia)

Angelina Jolie – vor der OP (Foto: Wikimedia)

Die einmal zur „schönsten Frau der Welt“ gekürte US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich aus Angst vor Brustkrebs beide Brüste amputieren lassen. Diese, von der seriösen New York Times in Form einer Tagebuchaufzeichnung verbreitete, Nachricht hat zu den erwartbaren Kapriolen auch in der deutschen Presse geführt. „Angelina in ihrer mutigsten Rolle“, dichtet Die Welt. Die Berner Zeitung weiß in etwas eigenartiger Grammatik: „Jolie fühlt sich nach der Brustamputation ’nicht weniger Frau‘ als vorher“. Und Spiegel Online hat direkt den Servicebeitrag zum Eingriff: „So funktioniert die Brustamputation“.

Angelina hat also keinen Busen mehr. Und deutsche Journalisten haben offenbar keinen Taschenrechner mehr.  Sonst könnten sie nämlich die Brustkrebswahrscheinlichkeiten richtig berechnen. Eigenartig ist nämlich, was die Journalistenkollegen da unisono (hat da wohl jemand vom anderen abgeschrieben) über die statistischen Aussagen in Sachen Brustkrebsrisiko zu sagen haben. Hier in der Version des Mediendienstes Meedia (Überschrift: „Angelina Jolie jenseits der Klatschspalten“):

In der New York Times schreibt sie, dass sie wegen eines Gen-Defekts mit 87 prozentiger Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkrankt wäre. Ihre Mutter starb im Alter von 56 Jahren an der Krankheit. Nur bei einer kleinen Minderheit ist dieser spezielle Gen-Defekt die Ursache für Brustkrebs. In diesen Fällen aber besteht eine im Durchschnitt 65-prozentige Wahrscheinlichkeit der Erkrankung …

Journalisten lieben bekanntlich Zahlen. Prozentangaben lieben sie besonders. Nur mit dem Rechnen haben sie es nicht immer so. Wenn Frau Jolie „wegen eines Gen-Defekts mit 87 prozentiger (sic!) Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkrankt“, dann bedeutet das eine 87-prozentige Wahrscheinlichkeit der Erkrankung. Und keineswegs eine „65-prozentige Wahrscheinlichkeit der Erkrankung“!

Wie kann es zu diesem Fehler kommen? Sehen wir uns das englischsprachige Original aus der New York Times an. Dort heißt es:

My doctors estimated that I had an 87 percent risk of breast cancer and a 50 percent risk of ovarian cancer, although the risk is different in the case of each woman. Only a fraction of breast cancers result from an inherited gene mutation. Those with a defect in BRCA1 have a 65 percent risk of getting it, on average.

Hier wird anders gerechnet: Es ist von einer 65-prozentigen Wahrscheinlichkeit die Rede, wegen des Genfehlers in BRCA1 an Krebs zu erkranken. Wie alle Frauen (auch die ohne diesen Genfehler) gibt es für Angelina Jolie natürlich noch andere Gründe, an Brustkrebs zu erkranken (etwa weil sie Raucherin ist, wegen ihres Alters etc.). Dies summiert ergibt dann die Endwahrscheinlichkeit von 87 Prozent für eine Brustkrebs-Erkrankung. Ob es deswegen angeraten ist, sich vorauseilend die Brüste entfernen zu lassen und wie sich dadurch das allgemeine Krebsrisiko verändert, wird nicht thematisiert.

Hier liegt also ein nahezu 100-prozentiges Beispiel für Statistik-Schwäche vor, das sich durch Kolportage und eine 80-prozentige Copy-and-paste-Neigung im deutschen Journalismus in Windeseile massenhaft verbreitet hat. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgend jemand das im nachhinein korrigieren wird? Vermutlich null Prozent.

Medienwissenschaft paradox: Facebook-Zahlen, die niemanden interessieren


02 Mai

Der Mathematiker Stephen Wolfram soll „mit einer eigenen Software“ (!) das Nutzungsverhalten von Facebook-Usern untersucht haben, wie der KressReport berichtet. Was hat er herausgefunden?

Männliche Facebook-User reden mehr über Sport, weibliche eher über Familie und Freunde. Zu diesem Ergebnis kommt der Mathematiker Stephen Wolfram, der mit einer eigenen Software Nutzerverhalten und Gesprächsthemen der Facebook-User analysiert hat. Mit seiner Software hat sich Wolfram die Datenflut bei Facebook zu Nutze gemacht und zahlreiche Facebook-User analysiert. Über eine Million Menschen haben der Datenerhebung zugestimmt (…).

Und der Mathematiker hat noch mehr Erkenntnisse:

Die meisten User sind zwischen 20 und 30 Jahren alt, danach zeigt die Nutzerkurve steil nach unten. Aber auch bei den jungen Nutzergruppen bleibt Facebook nicht vom allgemeinen Trend verschont: Auch hier gehen die Userzahlen langsam zurück

Sind das wirklich relevante Daten, sind das wirklich Ergebnisse, auf die jemand gewartet hat oder die gar handlungsrelevant sind? Selbst der KressReport, der über die Erhebung berichtet, ist am Zweifeln: „Einige der Ergebnisse sind durchaus überraschend, andere dagegen nicht“. Selbst der Hinweis auf zurückgehende Nutzerzahlen könnte nicht für einen neuen Trend, sondern schlicht für statistische Normalität stehen. Ist der Grenznutzen erstmal erreicht, wovon bei über einer Milliarde Facebook-Nutzer weltweit auszugehen ist, so können die Zahlen gar nicht anders als sinken. Ähnlich wie zuvor die irrelevante Berichterstattung über ständig steigende Nutzerzahlen von sozialen Netzwerken ist auch im umgekehrten Fall ein Erkenntnisinteresse nur schwer auszumachen.

Journalismus-Studie: Armut und Reichtum werden falsch dargestellt


22 Apr
Obdachlos

Obdachlos (Foto: Matthias Balzer/pixelio.de)

Laut einer Studie, die Hans Jürgen Arlt und Wolfgang Storz im Auftrag der Rosa Luxemburg-Stiftung durchgeführt haben, werden Reichtum und Armut in deutschen Medien falsch dargestellt. Untersucht wurden die Tages- und Wochenzeitungen Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Der Spiegel und Die Zeit. Als Beobachtungszeitraum wählten die Autoren die Phase zwischen dem dritten und dem vierten Lebenslagenbericht der Bundesregierung. Insbesondere die Darstellung des gesellschaftlichen Reichtums führt nach Meinung der beiden Forscher in die Irre:

Der blinde Fleck des Journalismus ist die stumme Macht des Reichtums. Es gibt eine Blackbox Reichtum. Eine Auseinandersetzung mit der Macht privater Großvermögen, die ihre Interessen ohne Worte zur Geltung bringen können, findet nicht statt. Der riesige Reichtum in den Händen weniger wird entweder überhaupt nicht kommentiert oder selbst dann nicht genauer durchleuchtet, wenn er kritisch bewertet wird.

Die Autoren der Studie bemängeln auch, dass die Armutsproblematik in Deutschland gerne isoliert dargestellt würde:

Armut wird vorwiegend als isoliertes Problem der Armen dargestellt. Entweder führen sie ihre Armut selbst aktiv herbei oder es gelingt ihnen nicht, unverschuldete Schwierigkeiten zu überwinden. Inwieweit der Staat ihnen helfen soll, ist umstritten. Zu viel Unterstützung untergrabe die Eigeninitiative, argumentieren die einen, zu wenig widerspreche den Geboten der Gerechtigkeit, so die Ermahnung der anderen. Dass beide Auffassungen im selben Medium parallel vertreten werden – ohne dass sie sich diskursiv aufeinander beziehen –, ist fast die Regel.

Die Autoren nennen das auch die “Einfalt der Vielfalt”.  Das bloße Neben- und Gegeneinanderstellen von Positionen, die in den tagespolitischen Auseinandersetzungen ohnehin ständig wiederholt werden, mache noch keine Qualität aus. Auf Telepolis werden Mutmaßungen angestellt, wie es dahin kommen konnte, dass Armut als gesellschaftliches Phänomen in den Medien weitgehend ignoriert wird und was stattdessen die Nachrichtenfaktoren sind, an denen sich journalistische Themenfindung orientiert:

Dafür finden sich allwöchentlich besinnliche Betrachtungen eines in der Gesellschaft angekommenen Mittelstandes, der den Müll korrekt trennt und Wert auf gesundes Essen legt.

Armut und Reichtum in deutschen Medien | Telepolis

Kölner Stadtanzeiger rottet deutsche Männer aus


04 Dez

männliche Anatomie (Grafik: Wiki Commons)

Zeitungssterben ist das eine, Sterben in der Zeitung ist das andere: Wenn beides zusammen kommt, dürfte der Untergang des Abendlandes nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Kölner Stadtanzeiger jedenfalls hat eine regelrechte Sterblichkeitsepedemie ausgemacht und schickt sich an, Deutschlands Männer auszurotten. Und das ausgerechnet in der heutigen Ausgabe des „Magazins“, zwischen Themen wie „Kratzen im Hals bei Kerzenschein, „Anleitung zum Mitsingen“ und dem Horoskop. Dort geht es, weil mit der Weihnachtszeit ja auch das Jahr zu Ende geht, um die Sterblichkeit bei Prostatakrebs. Konkret, so der Stadtanzeiger:

„…drei von hundert Männern bundesweit sterben jährlich an Prostata-Krebs, so die Statistik.“

Wirklich? Kurz nachgerechnet: Drei Prozent der männlichen Bundesbürger, das wären bei ca. 40 Mio. Männern in Deutschland gute 1,2 Millionen Sterbefälle nur mit der Diagnose Prostatakrebs. Jährlich! Diese Zahl ist schon dann absurd, wenn man sich ansieht, wieviele Menschen überhaupt jährlich in Deutschland sterben:

Im Jahr 2008 starben 446.788 Frauen und 397.651 Männer das waren rund 1% der Bevölkerung.

Der Kölner Stadtanzeiger will also buchstäblich ein Massaker an der männlichen deutschen Bevölkerung veranstalten. Aber auch wenn man solche statistischen Nickeligkeiten außen vorlässt, und sich nur die Statistiken zu Prostataerkrankungen ansieht, ist die Rechnung im Magazin der Kölner Tageszeitung nicht nachvollziehbar:

Unter den bei Männern zum Tode führenden Krebserkrankungen lag das Prostatakarzinom 2008 mit 10,4% (etwa 11.900 Fälle) nur an dritter Stelle, nach Lungenkrebs (25,4%, ca. 29.000 Fälle) und Dickdarmkrebs (12,5%, ca. 14.200 Fälle). Die Sterberate (Mortalität, standardisiert) betrug etwa 20 je 100.000 Männer.

Wie kann die Journalistin dann nur auf diese sehr unsinnige Prozentangabe gekommen sein? Vielleicht durch statistische Aussagen wie diese:

Das Sterberisiko im Laufe des Lebens beträgt insgesamt nur 3,3%.

Dies ist aber nur die Angabe einer Wahrscheinlichkeit und nicht der tatsächlichen Sterbefälle, und sie bezieht sich auch nur auf diejenigen Männer, die schon an Prostatakrebs erkrankt sind. Andernfalls würde sich die Nachfrage an einen Kölner Chefarzt auch erübrigen, die da lautete:

Steigt die Zahl der Prostata-Krebsfälle?

Legt man die Rechenkünste des Kölner Stadtanzeigers zugrunde, muss logischerweise die Krebsrate sinken: Denn alle potentiellen Patienten würden über kurz oder lang ausgerottet sein. Damit sterben allerdings auch die Leser des Kölner Stadtanzeigers aus: Sterben in der Zeitung = Zeitungssterben. Was zu beweisen war.

Yahoo: Wer wird Billionär?


28 Nov

Der Umgang von Journalisten mit Zahlen ist ja schon beinahe legendär schlecht. Wolf Schneider, ehemaliger Leiter der Hamburger Henri Nannen-Schule stellt fest, „drei von vier Zahlen (…) sind entweder falsch oder irreführend oder fragwürdig oder unzulässig oder läppisch“. Dabei ließen sich die gröbsten Schnitzer schon durch einfache Plausibilitätsprüfung vermeiden. Zum Beispiel der hanebüchene Blödsinn, den das Internet-Portal Yahoo verbreitet:

Screenshot: Yahoo.de

3,5 Billionen soll die US-Schauspielerin Natalie Portman also „in die Kinokassen gespielt“ haben? Gehen wir mal davon aus –wozu sich Yahoo allerdings ausschweigt –, dass es sich bei dieser Summe um Euro oder Dollar handelt, und nicht etwa um alte italienische Lire oder indische Rupien.  Nun geht es im Kinobusiness häufig um fantastische Summen, hier wurde aber wohl doch fantasiert. 3,5 Billionen US-Dollar, das ist das komplette Haushaltsbudget der Vereinigten Staaten von Amerika für das kommende Jahr, und die USA führen immerhin eine stattliche Anzahl von Kriegen und kriegerischen Konflikten, die finanziert werden wollen. Natalie Portman mag die Geheimwaffe Hollywoods sein, aber weder in puncto Grazilität noch in puncto Kosten muss sie sich mit einem Flugzeugträger oder einer Panzerkolonne vergleichen lassen. Auch in anderer Hinsicht ist die von Yahoo publizierte Zahl nicht plausibel: Der Film „Star Wars Episode I: Die dunkle Bedrohung“, mit dem Portman zum Star wurde, spielte an den Kinokassen gut 1 Milliarde Dollar ein und ist damit der elft-erfolgreichste Film der Kinogeschichte. Um auf die genannte Einspielsumme zu kommen, hätte Portman aber in 3.500 weiteren Star Wars-Episoden mitspielen müssen. Da hätte auch der größte Fan der Star Wars-Saga vermutlich keinen müden Cent mehr für eine Kinokarte ausgeben mögen.

Bleibt zu vermuten, dass hier ein altbekannter und darum umso peinlicherer Rechenfehler vorliegt: die amerikanischen „billions“ sind im Deutschen die „Milliarden“. Auch hierbei handelt es sich um große Summen, aber eben nicht um Fantastillionen. Die verdient nur Dagobert Duck in Entenhausen, aber keine Hollywoodschauspielerin.

Spiegel: Wie aus einer Info-Grafik eine Desinfo-Grafik wird


22 Nov

Nicht immer dient der Verweis auf eine Info-Grafik auch einem Mehr an Information.Das beweist das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner letzten Ausgabe in einem Artikel über gefälschte Druckerpatronen:

 

Ausschnitt: Spiegel 46/2012

Wer bei diesem Verweis damit rechnete, dass die nebenstehende Grafik dem Leser irgendeinen Mehrwert bescheren würde, sah sich getäuscht:

Ausschnitt: Spiegel 46/2012

Die Grafik wiederholt einfach nur den Text aus dem Artikel, angereichert um die Illustration einiger Geldscheine und einer Quellenangabe „GfK, eigene Recherche“. Und auch diese Quellenangabe ist eher verwirrend als erhellend. Denn eine simple Zahlenangabe wie „90% Gewinnmarge“ hat man doch entweder selbst ermittelt oder eben von einem Marktforschungsinstitut übernommen, aber doch wohl kaum beides gleichzeitig.So wird aus der Informationsgrafik schon fast eine Desinformationsgrafik.

 

Anti-Medien-Blog

Die journalistische Notfallpraxis im Web von Hektor Haarkötter